Was liest „man“ denn gerade so? Hintergründe zur Spiegel-Bestsellerliste.

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„Wie stehst Du zu Bestsellern? Und wie entsteht eigentlich so eine Bestsellerliste?“ fragten wir den Buchhändler unseres Vertrauens Dietrich Wienecke vom Blog Schoeneliteratur.de.

Hier seine Gedanken zu dem Thema:


„Bestseller können für mich nichts sein! Denn was allen gefällt, kann unmöglich meinen ausgesuchten Geschmack treffen.“

So war lange meine Haltung zur SPIEGEL-Bestsellerliste. Trotzdem interessierten mich viele Titel davon, und viele besaßen ganz unzweifelhaft literarischen Wert. Erst nach Jahren ist mir der Grund klar geworden:

Auf der Bestsellerliste platzieren alle gesellschaftlichen Gruppen ihre Favoriten – nebeneinander. So steht Haruki Murakami ganz zwanglos neben Nora Roberts, obwohl kaum ein Leser beide Autoren lesen würde.

Bildung, gesellschaftliches Milieu und Bestseller

Die Bestsellerliste präsentiert also nicht einen einzelnen Wettbewerb mit zehn Plätzen, sondern aus zehn unterschiedlichen Wettbewerben den jeweils ersten Platz. Und die bildungsnahen Schichten sind mehrfach vertreten, weil sie mehr Bücher kaufen.

Gesellschaftliche Milieus nach Sinus-Institut. Quelle: www.sinus-institut.deHeute prüfe ich die SPIEGEL Bestseller in zwei Schritten:

Interessiert mich ein Titel auf der Liste, dann stammt er vermutlich aus meinem eigenen „Sinus-Milieu“ und ich kann die Plazierung als Qualitätssiegel betrachten.
Spricht mich ein Buch überhaupt nicht an, dann ist es eher der Favorit eines anderen Milieus, und ich kümmere mich nicht weiter darum.

Spiegel-BestsellerlisteWie entsteht eigentlich die Spiegel-Bestsellerliste?

Wenn Ihr Buch beim Einkauf in einer Buchhandlung an der Kasse gescannt wird, dann leisten Sie vielleicht gerade einen Beitrag zur SPIEGEL-Bestsellerliste, denn diese Liste wird bundesweit aus den Kassendaten von 500 repräsentativ ausgewählten Buchhandlungen ermittelt.

1972 wurde die Liste erstmals erhoben und im Jahr 2001 auf Scannerdaten umgestellt, weil sich schriftliche Meldungen als unzuverlässig erwiesen hatten.

Bis dahin wurden oft Bücher als Bestseller gemeldet, die die beteiligten Buchhändler besonders reichlich vorbestellt hatten, um den Verkauf dieser Titel anzukurbeln. Das flog auf, als ein Krimi von Donna Leon plötzlich auf Platz 2 der Bestseller-Liste auftauchte, obwohl er noch gar nicht erschienen war.

Heute ist das System verläßlich und wasserdicht, weil der SPIEGEL für seine Liste jetzt dieselben Daten nutzt wie das Finanzamt für den Steuerbescheid.

Herzlichst
Ihr
Dietrich Wienecke
www.schoeneliteratur.de


Dietrich und Silke Wienecke, www.schoeneliteratur.deUnsere Gastautor Dietrich Wienecke kümmerte sich schon während seines Jura-Studiums mehr um die Buchempfehlungen der FAZ als um juristische Fachliteratur. Dementsprechend brachten die Jahre in Göttingen, Bonn und Heidelberg zwar vielfältige Bereicherung, aber nicht den geplanten Abschluß.

Der gebürtige Hannoveraner machte daraufhin das Lesen zu seinem Beruf und wurde Buchhändler. In Göttingen, Lüneburg und New York sammelte er Berufserfahrung, bevor er 2003 an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste eine mehr als 100 Jahre alte Buchhandlung übernahm.

Anfang 2010 schrieb Wienecke ein kleines Stückchen Branchengeschichte, als er Amazon wegen ständiger Verstöße gegen die Buchpreisbindung verklagte und gewann. Das Urteil führte zu einer einheitlichen Datenbank für den gesamten deutschen Buchhandel. Diese Regelung hilft unabhängigen Buchhändlern seither beim Überleben.

Gemeinsam mit seiner Frau Silke, promovierte Germanistin, gründete er 2013 den Buchblog „Schöne Literatur“ – einem Magazin für klassische Bücher jenseits des Mainstreams. Sie stellen Bücher vor, die Bestand haben, auch wenn der Alltag digital geworden ist: Bücher, die in eine klassische Bibliothek, in eine gute Kinderstube oder in eine elegante Handtasche gehören.

Dem wachsenden Druck der Bücherriesen wie Amazon & Co setzen sie ihre Fachkompetenz und Erfahrung entgegen. Bei der Auswahl der Bücher sind Neuheit und Medienpräsenz keine Kriterien. Umso mehr zählen zeitlose Vollendung und praktischer Nutzen. Und ein bißchen Nostalgie ist auch dabei.

Selbstverständlich kann man die im Buchblog vorgestellten Bücher – wie auch jedes andere Buch – bei Ihnen bestellen.

www.schoeneliteratur.de


Vom Glück mit Büchern zu leben, Ausgewählte, ganz besondere Bücher und Bildbände finden Sie übrigens auch in unserer Merkliste bei Amazon.

Darunter z.B. das oben abgebildete Buch „Vom Glück mit Büchern zu Leben“ – ein wundervoller Bildband mit fantastischen Geschichten und Hintergrundsinformationen über prominente Leseratten, geschrieben von Journalistin Stephanie v. Wieterheim und fotografiert von Claudia v. Boch. (wir berichteten)

(Die Liste kann man sich auch ausdrucken und damit zum örtlichen Buchhändler gehen. Er wird es Ihnen danken! Wer keinen Buchhändler um die Ecke hat: Sie können bei www.schoeneliteratur.de) über das Bestellformular jedes Buch zur Ansicht bestellen. So unterstützen Sie auch einen „örtlichen“ Buchhändler und haben gleichzeitig die Vorteile des Onlinehandels.)


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